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Wo Tiger zu Hause sind

autor

Blas de Roblés, Jean-Marie

gesamtwertung: 1.5/5

verlag

S.Fischer

jahr

2012

1 bewertung

isbn

310009641X

496 x gelesen

genre

Belletristik

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Jetzt selbst kommentieren geschrieben am: 05.06.2012 von Michael Lehmann-Pape

Brasilien (und die Welt) in epischer Breite

Lang ist dieses Buch, das ist der vorherrschende Eindruck nach der Lektüre. Lang und in epischer Breite erzählt, mit verschiedenen Erzählsträngen und vielfachen Verflechtungen, bei denen es nicht einfach ist, den roten Faden der jeweiligen Erzählfäden fest im Auge zu behalten.

Voller „Bildungsanspielungen“, philosophischen Reflektionen, vielfach auch religiösen Erläuterungen (einer der Erzählstränge nimmt sich der Biographie eines ehemals im 17. Jahrhundert in Brasilien tätigen Jesuitenpaters an). Aber auch Zitate, Verweise, Rückgriffe auf die Literaturgeschichte kommen nicht zu kurz in diesem breiten, literarischen Roman. Gerade im Blick auf diesen Kricher, der, als echter Jesuit, vielfach interessiert durch diese „neue“ Welt seinen Weg geht und, neben religiösen Überlegungen, auch die Naturwissenschaft nicht zu kurz kommen lässt.

Im Groben lassen sich so zwei Hauptgeschichten (neben den vielen Nebenschauplätzen und sonstigen Figuren im Roman) ersehen.

Zum einen bietet de Roblès eine (fiktive) Biographie des (real damals existierenden) Jesuitenpaters Kircher im Buch an. Ein Blick in die Geschichte, die religiösen Verästelungen, die kirchliche „Herrschaft“ im Brasilien des 17. Jahrhunderts, welche ebenso voll ist von Entdeckungen, Abenteuern, Erforschungen des riesigen Landes, Eindrücke, lebendige Geschichte, die durch die Augen Kirchers reflektiert und dargestellt werden.

Zum anderen bietet de Roblès an verschiedenen Personen und Situationen ein tiefreichendes und breites Bild des „modernen“ Brasiliens. Geschickt wählt er vom Politiker über gebildete Bürger der Mittelschicht, über das Leben in den Elendsvierteln bis zum Milieu der Drogenkriminalität eine durchaus spannende Bandbreite des Lebens in Brasilien samt seiner spannungsgeladenen, aneinander sich stark reibenden sozialen Unterschiede, wo im „Leben auf der Strasse“ vielleicht ein (kleiner) Schlüssel für all dieses zu finden wäre.

„Sie sind alle Kenner der Materie, und sie nehmen kein Blatt vor den Mund....... genau sie - ich meine die Hilfskräfte, die Kellner in den Cafès und Barmädchen – müsste man zur psychologischen Analyse unserer Welt heranziehen – sie haben da mehr Einblick als jeder andere sonst“.

Eine „Analyse unserer Welt“, die de Roblès dann aber doch nicht unbedingt durch die Augen von Kellnern und Barmädchen Revue passieren lässt, sondern seine diversen Hauptfiguren dieser sich drehenden, nicht wirklich einheitlich zu fassenden, brasilianischen Welt aussetzt.

Mit durchaus Längen hier und da und durchaus leichten bis mittelschweren Verwirrungen an anderen Stellen beim Leser, die es nötig machen, des Öfteren einige Seiten zurück zu blättern, um neuen Anlauf zum Verstehen zu nehmen. Dies gilt zwar nicht für die stringend erzählte Geschichte um den Jesuiten Kircher herum, wohl aber für weite Teile der „modernen“ Geschichte im Roman.
Lässt man sich aber auf die vielen Sprünge und die diversen Handlungen und Figuren im Buch ein, so entdeckt man eine durchaus intensive und kluge Darstellung der Welt in vielen einzelnen Teilen, ganz anders einander gegenüber und doch verbunden.

Ein Buch voller Geschichten in den Geschichten, mit vielfachen Reflektionen der Welt, in der wir leben und wie sie so wurde, wie sie ist. Beileibe nicht einfach und flüssig zu lesen, durchaus in den einzelnen Darstellungen und Elementen interessant und lesenswert.


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