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"das Wort will Fleisch werden": Körper-Inszenierungen bei Heinrich Heine und Friedrich Nietzsche

autor

Wortmann, Simon

gesamtwertung: 5/5

verlag

J.B.Metzler

jahr

2011

1 bewertung

isbn

3476023915

555 x gelesen

genre

Sachbuch

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Jetzt selbst kommentieren geschrieben am: 04.06.2012 von Michael Lehmann-Pape

Fürsprecher des Körpers

„Heinrich Heine und Friedrich Nietzsche gehören sowohl in ihren theoretischen Überlegungen als auch in ihrer ästhetischen Praxis nach unbestritten zu den großen Fürsprechern des Körpers im 19. Jahrhundert. Beide Autoren beziehen auf geradezu unerhörte Weise Stellung, sobald sie in ihren Texten von leiblichen Phänomenen reden machen“.

Dies ist der Ausgangspunkt die grundlegende Beobachtung, welche Simon Wortmann seiner hier nun vorliegenden Dissertation zu Grunde legt. Nietzsche und Heine verfolgen aus je ihrer persönlichen Kunst und Sichtweise heraus das Ziel, ihre Leser für das Erfahrungspotential des Körper im Zeichen einer „allgemeinen und grundlegenden“ Krise aufmerksam zu machen. In welcher Weise beide dies tun, wie ihre literarische Verfahrensweise dabei ist, als „Fürsprecher des Körpers“ zu agieren, dies gilt es, herauszuarbeiten.

In drei Hauptteilen legt Simon Werner die literarischen Körperinszenierungen bei Heine und Nietzsche dar, bevor er im letzten Teil ein abschließendes Fazit verfasst. Im ersten Hauptteil setzt Wortmann die „Inszenierung“, die enge Verbindung zwischen Text und Aufführung, in den Mittelpunkt. Das Buch zeigt auf, wie Heine je mit der „Positionierung eines historischen Augenzeugen“ bereits seine Texte inszeniert, bei Nietzsche weist Wortmann als Pendant einen „Verkünder“ als subjektive Erzählinstanz nach. Beide Figurenarten reflektieren ihre Erfahrungen leiblich. Beide Figurenarten folgen der Funktion, die jeweilige Aufführung als „Ereignis“ sprachlich zu vermitteln. Wortmann weist somit nach, dass bereits bei der Verfassung der Texte beide Künstler im Sinne einer „Inszenierung“ dachten und die Elemtne der Inszenierung von Bühne, Schauspieler, Spannungsformen in den Texten bereits mit als „lesbare leibliche Erfahrung einbrachten.

Im zweiten Hauptteil untermauert Wortmann seinen Ertrag aus dem ersten Teil, das die „Aufführung als Mitteilungsform“ von beiden Autoren als systematische und konsequent genutzte Schreiboption genutzt wurde. Beide Autoren nutzen unterschiedliche leibliche Erfahrungen der Krise produktiv für ihre Arbeit und setzten die inszenierte Aufführung bereits gestalterisch in ihren Texten um. So fließt der „Schauspielertypus“ bereits in die Gestaltung der Texte ein und wird nicht erst bei der Einübung der Aufführung selbst in seiner Darstellungspraxis als Medium genutzt. Körper Inszenierung bei Nietzsche und Heine heißt somit auch „Verschränkung“ von inhaltlichem und sprachlichem Aspekt der Inszenierung.

Im dritten Hauptteil wendet sich die Dissertation dann der Analyse der literarischen Körper Inszenierung bei Heine und Nietzsche zu. Maskieren und Entlarven, Ernst und Lachen, Überwinden und Überwältigen sind die spannungsgeladenen Gegensatzpaare, mittels derer die beiden Künstler das Leibliche aufnehmen, zeigen und inszenieren. Eine spannungsvolle Darstellung der Leiblichkeit, deren Inszenierung bereits je im Text strategisch fokussiert und durch den Text durchscheinend vermittelt werden will und soll.
Detailliert geht Wortmann hier einzelne Figuren und Texte der Autoren durch, rekurriert auf die jeweiligen Krisenerfahrungen und deren Transzendenz durch die literarische Verarbeitung und zeigt auf, wie konzentriert beide Künstler ihre Texte auf diese Darstellung von Körper und Leiblichkeit gestalten.

Detaillierte und fundierte Darlegungen, die Wortmann im abschließenden Fazit noch einmal knapp benennt, vor allem aber die weiterführenden Fragen eröffnet, wieweit eine solche literaturwissenschaftliche Analyse auch über die beiden konkreten Künstler hinaus Anwendung finden kann. Gerade im Blick auf das Inszenierungspotential literarischer Texte scheint es nun grundsätzlich viel versprechend zu sein, auch die literarische Körper-Inszenierung eines Textes je anzugehen. Wieweit ist die (spätere) Inszenierung im Sinne des Theaters bereits Teil der Spannungskurve und Konzeption eines Textes selbst? Wortmann verweist hier konkret auf die „Buddenbrooks“ und deren vehemente Aufmerksamkeit für (körperliche) Prozesse der Dekadenz.

Breit und umfassend, detailliert und fundiert legt Simon Wortmann seine Analyse der Körper-Inszenierungen bei Heine und Kant vor, erarbeitet methodisch einen klaren Blick auf die Arbeitsweise der beiden Künstler und gibt einen (kleinen) Ausblick über die Heine und Nietzsche hinaus vor allem auf die „historische Moderne“. Sprachlich in Teilen hoch abstrakt und wissenschaftlich ausgerichtet, bildet das Buch eine Eröffnung und Vertiefung der literarisch-körperlichen Analyse für weitere Forschungen.


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