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Jungen als Bildungsverlierer: Brauchen wir eine Männerquote in Kitas und Schulen?

autor

Hurrelmann, K.; Schultz, T. (Hg.)

gesamtwertung: 5/5

verlag

Beltz Juventa

jahr

2012

1 bewertung

isbn

3779927500

496 x gelesen

genre

Sachbuch

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Jetzt selbst kommentieren geschrieben am: 24.05.2012 von Michael Lehmann-Pape

Vom Fehlen eines Rollenmodells und dessen Folgen

Es ist ein empirisch belegbarer Fakt, dass Mädchen immer mehr, deutlicher und klarer in Fragen der Bildung an Jungen vorbeiziehen. Seien es die durchschnittlichen schulischen Leistungen, die Quantität und Qualität höherer Schulabschlüsse und die Zahl an Studentinnen, alle diese Zahlen sprechen eine klare Sprache. Mädchen werden zu Bildungsgewinnern und Jungen zu Bildungsverlieren. Und dies in einem Land, in dem Bildung als das grundlegende wirtschaftliche Gut sich mehr und mehr heraus entwickelt und damit mithin eine Grundvoraussetzung für die Zukunft junger Menschen, gerade in Deutschland, ist.

Keine einfachen Lösungen bieten die Autoren des Buches an, keine Appelle, vielmehr werden differenziert und hier und da durchaus auch kontrovers Lösungsmöglichkeiten herausgearbeitet und diskutiert. Wobei die Herausgeber, durchaus nicht neu, aber immer noch provokant, die Hauptursache für diesen „Bildungsabfall“ männlicher Jugendlicher mit einer „allgemeinen Verunsicherung der männlichen Geschlechtsrolle“ in Verbindung bringen und die Ursachen für diese Verunsicherung in einem (allgemeinen) Mangel an männlichen Rollenvorbildern und Rollenmodellen ausmachen. Eine These, die nicht von der Hand zu weisen ist, schaut man sich die prozentuale Geschlechterverteilung im pädagogischen Bereich in Deutschland an. 90 Prozent des pädagogischen Personals in Deutschland sind Frauen in KiTa und in der Grundschule dürfte der Prozentsatz noch höher liegen.

In den prägenden Phasen der Kindheit sind somit, außer unter Umständen in Person des Vaters (und auch das nicht immer, betrachtet man die Zahl alleinerziehender Frauen und die Anforderungen der Arbeitswelt an Zeiteinsatz und Mobilität) kaum männliche Rollenvorbilder in ihrer Weltsicht und Weltbewältigung für männliche Kinder erreichbar. Kinder werden, so der Rückschluss der These, in Deutschland vorwiegend „weiblich“ geprägt, was bei Mädchen zu einer Festigung führt und bei Jungen eben eher zu einer Rollenverwirrung. Ob dem tatsächlich so ist, dass Nachteile durch eine eher „Dominanz der Frauen“ in frühen Kinderjahren für Jungen entstehen ist dabei nur eine der Fragen, denen die Autoren im Buch nachgehen. Liest man aber die Einlassungen von Preuss-Lausitz über den „hilflosen Umgang mit Jungen in Schule und Pädagogik“ findet man durchaus überzeugende Argumente für nicht hilfreiche Auswirkungen des „Mangels an Männern“ in der Pädagogik.

So verwundert es nicht, dass eine Quintessenz des Buches (und letztlich der gewichtigste Lösungsvorschlag) in einem Ruf nach einer „Männerquote“ mündet. Auch dies ist in sich logisch nachvollziehbar im Buch, denn, wie Fanitini zutreffend in seinem Beitrag offenlegt, wie soll auch eine „Pädagogik der Vielfalt“ leibhaftig für Kinder in „männerlosen Grundschulen“ erlebbar sein? Wobei die Autoren, wie erwähnt, nicht einfach einen Appell durch das Buch richten, sondern durchaus breit pro und contra einer Männerquote diskutieren, ebenso, wie die grundlegenden Thesen an sich auch in pro und contra beleuchtet wird.

Natürlich stimmt die einfache Feststellung schon, dass, wo „keine Männer sind, da hilft auch keine Quote“, ebenso der Einwand von „Qualität statt Quantität“, einfach nur „Männer“ reichen sicherlich nicht aus, Qualifikation braucht es selbstredend.

Dennoch aber, alles in allem, lässt sich die Verbindung eines „Bildungsabfalls“ bei jungen auch und gerade wegen fehlender Lern- und Erlebnismöglichkeiten an „Männern“ nicht von der Hand weisen. Ob eine Quote der Weisheit letzter Schluss wäre, bleibt offen, dass aber ein Bündel von Maßnahmen und ein Umdenken in Bezug auf die gesellschaftliche Wertigkeit solcher Tätigkeiten notwendig sind, um gerade diese grundlegend wichtigen Berufe auch für Männer mehr zu öffnen (und interessant zu machen), das scheint nach der Lektüre des Buches und angesichts der „Bildungslage“ dringend notwendig zu sein. Unter Beachtung einer reflektierten Gender-Diskussion, die nicht in althergebrachten Rollenmustern sich dann erschöpfen kann, selbstverständlich.

Hurrelmann und Schultz legen eine breit diskutierte Betrachtung eines empirischen Befundes vor, der durchaus nicht nur für Jungen, sondern für eine ganze Gesellschaft besorgniserregend ist, die ihre wirtschaftliche und kulturelle Grundlage mehr und mehr auf der Bildung aufbaut und aufzubauen hat. Pro und Contra liegen während der Lektüre klar vor Augen, die gezogenen Schlüsse sind überzeugend argumentiert und bieten, auch ohne eine direkte Umsetzung einer Männerquote, genügend Hinweise und Anregungen für ein Umsteuern im pädagogischen Bereich.


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