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Die Geschlechterlüge: Die Macht der Vorurteile über Frau und Mann

autor

Fine, Cordelia

gesamtwertung: 5/5

verlag

Klett-Cotta

jahr

2012

1 bewertung

isbn

3608947353

599 x gelesen

genre

Sachbuch

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Jetzt selbst kommentieren geschrieben am: 21.05.2012 von Michael Lehmann-Pape

Stereotypen statt Veranlagungen

Nicht „natürliche Anlagen“ sind es, die den Menschen letztlich in seiner Persönlichkeit formen, sondern in weitaus höherem Maße ist es das, was an Denken vermittelt wird, an kulturellen Vorurteilen, an Stereotypen, letztlich.

Auf der Basis dieser Erkenntnis entfaltet Cordelia Fine ihr erfrischend im Ton und allzeit verständlich im Stil geschriebenes Buch, in dem sie sich den behaupteten „natürlichen“ Unterschieden zwischen Frauen und Männern zuwendet. Und die „wissenschaftlichen Erkenntnisse“ intensiv betrachtet und auseinanderbaut, die so viele aber nur vermeintliche „Tatsachen“ über Mann und Frau neurowissenschaftlich in den Raum gesetzt hat,

Ob es jenes Vorurteil ist, dass „Männer in Sachen Empathie eben komplett ungünstig verdrahtet sind“, weile ihre „Neuronen eine Testosteronmarinierung“ über sich ergehen lassen mussten oder eben die andere Seite der Medaille, dass Frauen nun mal nicht „räumlich genug“ denken können, um korrekt ein Auto einzuparken.

Oder auch, warum es so wenig Frauen in Führungspositionen gibt, gar, dass viele Frauen gar nicht zu solch „höheren Weihen“ hinstreben. Natürliche Veranlagung? Oder festgefahrene, stereotyp Denkweisen, die quasi mit der Muttermilch bereits weitergegeben werden?

Eines wird schon zu Beginn der Lektüre klar, die Sache mit der „natürlichen Veranlagung“ hat etwas bequemes im Denken, etwas so heimelig „Unveränderbares“, so dass man sich nicht allzu sehr damit beschäftigen müsste. Das ändert aber nichts daran, so weist die Neurowissenchaftlerin Fine überzeugend in ihrem Buch nach, dass die psychologischen Einflüsse Persönlichkeiten „Machen“ und dass diese geprägt sind von tradierten Stereotypen, die dann zu selbsterfüllenden Prophezeiungen werden.

Demgegenüber ist die Folgerungen Fines im Buch eine entgegen gesetzte: „Männern und Frauen ist alles möglich“. Wenn es entsprechend gelingt, die einengenden Stereotype zu erkennen, zu benennen und zu überwinden. Männer sind eben nicht rein hormonell bereits mathematisch begabter, auch wenn an mancher Stelle diese Wahrheit nicht gerne gehört werden wird. Stereotype, die bereits von klein auf geprägt werden durch die unterschiedlichen Erwartungshaltungen von Eltern und Familien an Kinder männlichen oder weiblichen Geschlechtes. Erwartungen, die sich von Geburt an ausdrücken in unterschiedlichen Spielzeugen und Rollenerwartungen. Jungens sollen eben nicht Mädchen sein („Du Mädchen“ ist ein klassisches Schimpfwort für “zu weiche“ Jungen“) und Mädchen eben nicht herb, Mannfrau oder sonstiges in sich entdecken, sondern sich doch eher den Puppen zuwenden (um sich auf das „wirkliche“ Leben vorzubereiten).

Locker in der Sprache, immer praxisbezogen, mit vielen Beispielen und durchaus sanfter bis stärkerer Ironie wendet sie sich einem eben nur halbwegs sich ändernden Denken zu, zeigt den „Neurosexismus“ auf, der in seinen „Verdrahtungen „ „aufgepfriemelt“ werden müsste und plädiert für ein klares „Gender-Recycling“, ein „sich dehnen“ über die einengenden inneren Stereotyp Schranken hinaus. Eine beharrliche Dehnung des soziologischen Vorstellungsvermögens ist wohl die bete Möglichkeit, den eigenen Engen im Denken zu entkommen.

Ein Buch übrigens, dass in dem, was Fine impliziert, durchaus über das engere Thema Mann und Frau hinausgeht. Stereotype sind ja nicht auf Geschlechterrolle festgelegt, sondern finden sich in so gut wie allen Bereichen des Lebens und der „Vorbereitung von Kindern auf das Leben“ wieder. Auch hier wäre eine angesprochene „Dehnung“ für ein konstruktives Miteinander der Menschheit durchaus ratsam. Eine sehr empfehlenswerte Lektüre über das, was Menschen zutiefst für ihr Leben prägt. Und wie es überwunden werden könnte.


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