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Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

autor

Joyce, Rachel (weitere bücher dieses autors)

gesamtwertung: 5/5

verlag

Krüger

jahr

2012

1 bewertung

isbn

3810510793

523 x gelesen

genre

Belletristik

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Jetzt selbst kommentieren geschrieben am: 14.05.2012 von Michael Lehmann-Pape

Emotionale Tiefe

„Beim Laufen habe ich mich an so vieles erinnert. An Dinge, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sei vergessen hatte, Manche Erinnerungen waren hart. Aber die meisten waren schön. Ich habe Angst, dass ich sie eines Tages, vielleicht bald, wieder verliere“.

Nicht nur körperlich, auch emotional zutiefst mitgenommen zeigt sich Harald Fry am Ende seines Fußmarsches von über 1000 Kilometern in 87 Tagen.

Er, der zu Beginn des Buches wirkte wie ein Teil einer typisch auseinandergelebten, englisch distanzierten, Familie. Seine Frau Maureen und er in getrennten Zimmern, nur das Nötigste wird gesagt, entfremdet auch von David, dem Sohn, der nicht mehr zu Hause anzutreffen ist. Der nach 45 Jahren als Handelsvertreter nun im nichtssagenden Ruhestand ist. Der sich vorwirft, Zeit seines Lebens da, wo es nötig gewesen wäre, aus seiner inneren, emotionalen Distanz, fast Starre nicht herausgekommen zu sein. Gerade in wichtigen Momenten mit seinem Sohn David. Oder auch, als seine Mutter ihn und die Familie einfach verließ.

Gedanken, die Harold zugeflogen kommen, als er sich, unvorbereitet und spontan, auf den Weg macht. Eine alte Kollegin, seit 20 Jahren nicht mehr gesehen, schreibt ihm einen Brief. Sie liegt im Sterben. Ein Mädchen an der Tankstelle, kurz vor dem letzten Briefkasten des Ortes, erzählt von der Kraft des Glaubens an Besserung.
„Man muss daran glauben, dass ein Mensch wieder gesund werden kann“.

So gibt Harold, ganz spontan, per Telefon dem Hospiz Bescheid, dass er sich auf den Weg macht und Queenie mit ihrem Sterben warten soll. Er käme zu Fuß.

Und Harold macht sich auf den Weg. In einfachen Segelschuhen, mit nur dem, was er gerade dabei hat. Trifft auf Fremde, setzt Fuß vor Fuß. Mit jedem Schritt scheint da auch etwas in ihm selber wieder zurecht gerückt zu werden. Erinnerungen kommen, schamvolle, peinvolle, schöne Erinnerungen. Erinnerungen, die er unter Schmerzen ansehen und verarbeiten muss. Und so erlebt der Leser an der Hand der Autorin einen allmählichen Gang in die Tiefe eines Menschen und seines Umfeldes und derer, denen er begegnet, der bald ahnen lässt, dass hier Geheimnisse, wichtige Dinge noch vorliegen, die erst langsam an der Oberfläche kratzen.

Kommt man zum Ende des Buches, schließt sich der Kreis, gelingt es Joyce, diese eigentlichen Dinge unglaublich überraschend zu enthüllen. In einer Art und Weise, die emotional tief berührt und fast sprachlos zurücklässt. Wie es ihr überhaupt gelingt, Seite für Seite in wunderbarer und immer treffender Sprache eine emotionale Erlebnisreise auf Papier zu bannen, die sich (auch das wieder erst ganz am Ende) tatsächlich als eine echte Pilgerreise des Glaubens (ohne jede Religiosität) darstellt.
„Wenn er den Blick immer auf die Dinge gerichtet hielt, die größer aren als er selbst, dann würde er es schaffen. Ganz sicher“.

Mit menschlichen Erkenntnissen, einer inneren Geschichten, mit Begegnungen, die immer wieder, Seite für Seite, an die Grundfesten der Substanz der Persönlichkeiten reichen. Genau beobachtetes Leben, aus dem Joyce ebenso treffsicher die dahinter liegenden Emotionen zu beschreiben versteht, diese im wahrsten Sinne des Wortes für den Leser erlebbar macht.

Was das Eigentliche ist, was Harold mit Queenie verbindet, was diese für ihn getan hat, warum er sie nun unbedingt noch einmal sehen muss, was sein eigentlicher, tiefer Schmerz ist, der ihn und seine Frau so voneinander getrennt haben und wie sich er, aber auch seine Frau Maureen durch diesen Fußweg entwickeln und verändern, innerlich wieder wie jung werden können, dies alles führt Joyce sprachlich mit fast spielerischer Leichtigkeit vor Augen, ohne je die Gefahr zu geraten, zuviel Pathos oder zu vordergründige Emotionen in den Mittelpunkt zu stellen.

Harold geht einen langen Weg in einer durchaus langen Geschichte, die dennoch keine Längen aufweist, bei der jede Seite und jedes Wort seinen Platz findet. Und in der Rachel Joyce tatsächlich an die Substanz ihrer Figuren, die Substanz der Dinge, die geschehen sind und letztendlich an die Substanz des Lebens selbst geht. Wo der Tod nicht ausgespart wird, der Schmerz seinen Platz findet, die Liebe alles begleitet (oft ohne ins Bewusstsein zu dringen) und das Leben sich lösen darf auch in die eigene Nichtigkeit hinein. Bis dahin, dass man wirklich daran glauben muss (und darf) dass ein Mensch sich in diesem Leben finden kann. In all den Einrahmungen, Einbildungen, im eigenen Versagen und im Anblick schmerzlicher Verluste, welche die eigene Schale hart machen.

Dieses Buch verändert nicht die Welt, aber den, der es liest. Und nach der Lektüre weiß man, dass Joyce nicht übertreibt. „Ich habe mein Herz in diese Geschichte gelegt“. Spürbar.


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