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Wie wir begehren

autor

Emcke, Carolin

gesamtwertung: 5/5

verlag

S.Fischer

jahr

2012

1 bewertung

isbn

3100170180

488 x gelesen

genre

(Auto-)Biographie

kommentare (0)

Jetzt selbst kommentieren geschrieben am: 23.04.2012 von Michael Lehmann-Pape

Ein persönliches Buch

Einerseits bietet Carolin Emcke in ihrem Buch durchaus ihre ganz persönlichen Erinnerungen, ihre ganz persönliche, besondere Geschichte eines „Begehrens“. Eines Begehrens der anderen Art im übrigen, denn es brauchte durchaus seine Zeit, sich seiner selbst bewusst zu werden, gerade in der sexuellen Ausrichtung, wenn man in einer Zeit aufwächst, wo dieses Thema des Begehrens, der Erotik, der Leidenschaft entweder, wie im Unterricht, rein versachlicht oder ansonsten totgeschwiegen wird. Emckes Neigung und Begehren zu Frauen hin war so durchaus ein rechter „Entdeckungsweg“.

Den sie aber nicht allein beschritt, und hier wird das Buch durchaus generalisierend, sondern mit einer ganzen Generation von Aufwachsenden hier in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts ihren Weg zu suchen und zu finden hatte. Eine Zeit, in der es ganz gut war, dass Emcke schon früh erkannt hat, dass „Angstfreiheit vielleicht der beste Schutz“ ist. Auch im Blick auf jenen Daniel, an dessen Selbstmord sich durchaus ablesen lässt, wie schon damals ein „Mobbing“ folgen zeigen konnte. Ein Mobbing, dass wie so oft auch heute, sich gar nicht wirklich an etwas Konkretem festmachen ließ. In einer Welt, die sich „spaltete, aufteilte in Geschlechter“, wiederum ohne größere Erläuterungen.

Und alles kreist und verbleibt und wird zurückgeführt auf diese eine, große Kraft. Auf das sexuelle Begehren. Auf das mühsame Entdecken, die Zweifel, sich im Kreis drehen, einen Schritt nach vorne kommen. In klarer und präziser Sprache (nicht umsonst ist Carolin Emcke mehrfach ausgezeichnete Journalistin). Ein innerer Vorgang, den sie intensiv mit der Außenwelt, den „Verhältnissen“ zu spiegeln versteht. Eindrucksvoll sind einfach ihre Innenansichten gerade muslimisch geprägter Länder und die Ähnlichkeit der Sichtweisen, die Enge, dort, wie sie auch hier beim Thema der Lust und des Begehrens vorherrschte. Wo Emcke vorsichtig umgeht mit ihren Neigungen. Auch aus Rücksicht auf die, die mit ihr arbeiten, dass diese nicht in Verruf geraten, „mit so einer“ zu engen Kontakt gehabt zu haben. Mit einer Frau, die ihre Neigung zu Frauen lebt.

Ehrlich und durchaus intim lässt Emcke ihre Geschichte vor den Augen der Leser Revue passieren und verbleibt doch nicht nur bei ihrer Person, sondern rührt im Leser die ganz eigenen Erinnerungen, die ganz eigenen Wege mit dem Begehren, der Lust an, bei der immer im Raume steht, ob „wir das Begehren oder das Begehren uns“ findet. Die unbändige Kraft der Sexualität, sie dringt aus dem Buch deutlich heraus und fordert so den Leser ganz automatisch dazu auf, sich dem Eigenen auch zu stellen.

Eine treibende Kraft, die sich mit dem Menschen auch entwickelt. Die nicht immer gleich bleibt, die sich im besten Fall frei entwickeln darf, ohne totgeschwiegen zu werden, ohne ständig in Konflikt mit sich und anderen zu geraten. Bei einem Aufwachsen, welches durchaus geprägt war von dieser damals distanzierten Haltung.
„Es galt vermutlich als besonders liberal, im Unterricht über Sex zu sprechen, ohne von Liebe, Seelenverwandtschaft, Störchen oder Engeln zu reden“.

Carolin Emcke legt ein bravouröses Plädoyer für eine Offenheit sich selbst gegenüber und den anderen gegenüber vor, was das Begehren und die sexuelle Identität angeht. Ein Thema, das in vielen Teilen der Welt, nicht nur in den muslimischen, immer noch von Ausgrenzung und Schweigen gekennzeichnet ist. Sie tut dies persönlich, intim und klar in der Sprache und öffnet so dem Leser einen tiefen Zugang zu einer der treibenden Kräfte des Lebens.


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