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Gott bewahre

autor

Niven, John (weitere bücher dieses autors)

gesamtwertung: 2/5

verlag

Heyne

jahr

2011

1 bewertung

isbn

3453675975

646 x gelesen

genre

Belletristik

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Jetzt selbst kommentieren geschrieben am: 17.10.2011 von Michael Lehmann-Pape

„Und Friede auf Erden“ (und im Himmel)... vielleicht?

„Hätte ich das über Mohammed geschrieben, was ich im Buch über Jesu sage, würde ich wohl täglich Todesdrohungen bekommen. Wahrscheinlich wäre ich längst untergetaucht“, sagt John Niven im Gespräch mit dem Spiegel. Und wahrlich, wo er recht hat, hat er recht.

Eine unglaubliche, bissige, teils zum wegwerfen komische und doch in ihren Spitzen durchaus treffende Satire hat John Niven verfasst, die sicherlich jedem konservativen Christen (und vor allem den Menschen des Bible Belt in Amerika) die Zornröte ins Gesicht treiben. Nicht umsonst erwähnt er im gleichen Interview auch die Schwierigkeiten, einen amerikanischen Verlag zur Veröffentlichung des Buches zu finden.

Respektlos, direkt, ohne jede religiöse Scheu (und fast auch ohne religiöse Skrupel) schreibt Niven vordergründig eine Geschichte über die Wiederkehr Christi in unseren Tagen (weil Gott aber so was von sauer ist über die Verhältnisse, die auf Erden herrschen, kaum macht er mal einen kleinen Abspannurlaub (Tausend Jahre sind bei Gott eben wie ein Tag), schickt er denselben Jesus umgehend nach New York und von da aus auf eine Reise nach Los Angeles (mit einem ersten Erfolg um ihn herum was seine Sammlung der Junkies, Obdachlosen, Armen und Weggeworfenen der Gesellschaft angeht). Das Jesus dabei noch in einer Casting Show aufgehen (oder eingehen, untergehen?) wird, ergibt sich aus dem Zustand der Welt, die Jesus vorfindet. Denn Jesus hat sich was überlegt. Damit die Menschen nun aber wirklich einmal auf ihn hören, braucht er ein Millionenpublikum. Fans. Ein Medium, um seine Botschaft zu transportieren und was könnte das besser sein als eine Karriere als Rock-Sänger mit entsprechender Message? Wenn er sich da mal nicht geschnitten hat in der Vermarktungsmaschinerie dieser Medienwelt.

Hintergründig aber (dennoch nicht zu überlesen), zieht Niven ein fast bitteres, zynisches Fazit der Welt unserer Tage und das ist, neben dem unbändigen (teils allerdings auch überzogenem) Humor, was dieses Buch in Erinnerung halten wird.
Vor allem eine Gruppe hat sich Niven als „Feindbild“ auserkoren. Jene strikt konservativen „Christen“, die aus dem Evangelium der Liebe seit eigentlich Jahrhunderten eigentlich bereits ein Buch des Regelement, der Dogmatik, der strikt konservativen Haltung dieser Welt gegenüber machen. Mehr also Gesellschaftskritik als Religionskritik bietet dieses Buch im eigentlichen Sinne, versteht man gerade amerikanische Auswüchse der religiösen Bewegung eher als Darstellung gesellschaftlicher Überzeugungen mit biblischer „Argumentationshilfe“ denn als „Nachfolger Christi“ mit gesellschaftlicher Veränderungskraft. Aber dies sind letztlich alles nur Etiketten und persönliche Bewertungen, die John Niven ebenfalls natürlich vornimmt und sich eben für seine Seite der Medaille entscheidet. Dies aber konsequent.

In Teilen muss man dem Buch auch Nachsicht gegenüber darin aufbringen, wo Niven seine Darstellung überzieht und überdreht. Nach den ersten 40, 50 Seiten ziehen sich die Persiflagen und zynischen Seitenhiebe schon manches Mal in die Länge. An manchen Stellen wirkt Niven wie jemand, der hier nun um jeden Preis noch einen Witz, eine Volte, ein kleines, religiöses Schockmoment einbauen wollte. Seine kritisierte Intoleranz bestimmter Gruppen lässt er eben beileibe keine eigene tolerante Haltung folgen. Was bedauerlich ist. Denn jene Botschaft der Liebe, die Gott im Buch Jesus mit auf den Weg für die Menschen gibt, lässt Niven selbst oft in aller Deutlichkeit vermissen. Gut, dass es manchmal durchdringt im Buch, der Ernst, zu dem Niven auch fähig ist, wenn er die Zustände der Welt anprangert und offenlegt.

Im Kern aber greift das Buch durchaus treffend die reibende Spannung auf zwischen den einerseits so laut und fundamental sich auf Christus berufenden Gruppierungen gerade in Amerika (aber nicht nur da) und deren „Null Toleranz“ Haltung gegen alles und alle, die nicht in ihrem Sinne gesellschaftskonform leben können oder leben wollen, die (vermeintlichen) „Sünder“ eben. Die gleichen Gruppierungen, die es andererseits anscheinend auch im eigenen Umfeld nicht verhindert bekommen oder nicht verhindern wollen, dass aus allem, auch aus dem Glauben, ein medialer Kommerz gemacht wird und halbseidene „Fernsehprediger“ hauptsächlich den Dollar sehen wollen. Der Dollar, um den sich fast alles zu drehen scheint, auch bei den Frommen, die Niven im Blick hat.

Eine Gruppe, auf die das Swift Zitat vom Anfang des Buches zutrifft: „Wir wissen nicht, was sie im Himmel machen. Aber was sie nicht machen, wird uns ausdrücklich gesagt“.

Ein intolerantes Buch gegen Intoleranz, mit teils treffendem, teils aber auch überzogenem Humor und einer Geschichte, anhand derer Niven den Zynismus und die Bigotterie unserer Zeit aus dem Schatten ins grelle Licht zerrt. Sicher nicht jedermanns Geschmack, aber auf jeden Fall erst einmal ein interessantes, wenn auch im Stil nicht immer leicht zu ertragendes, Leseerlebnis.


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