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Zukunft Gehirn: Neue Erkenntnisse, neue Herausforderungen

autor

Bonhoeffer, T.; Gruss, P. (Hg.)

gesamtwertung: 2/5

verlag

C.H.Beck

jahr

2011

1 bewertung

isbn

3406616429

799 x gelesen

genre

Sachbuch

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Jetzt selbst kommentieren geschrieben am: 08.09.2011 von Michael Lehmann-Pape

Zum Stand der Dinge in Sachen Gehirn

Einen Report der Max-Planck-Gesellschaft legen Gruss und Bonhoeffer als Herausgeber vor, der von verschiedensten Beiträgen her den Stand der Dinge in Bezug auf die Neurowissenschaft beleuchtet.

Immer tiefere Einblick in die faszinierende Komplexität selbst einfach strukturierter Gehirne werden gerade seit den letzten Jahren durch die moderne Hirnforschung ermöglicht. Einblicke, die im Buch im wissenschaftlichen Diskurs abgebildet werden. Konzentration braucht es durchaus, der nicht immer einfachen Sprache der einzelnen Beiträge im Buch zu folgen, eine Konzentration, die sich lohnt und im Lauf der Lektüre mit hinein nimmt in die faszinierende Welt des Gehirns.

Allein schon die fundierte Darstellung des Gehirns als „genetisch programmiert“ und doch lebenslang sich durch äußere Einflüsse verändernd, eröffnet ein intensives Verständnis der Wirkweise der Neuronen. Neuronen, die nur dann dauerhafte Verbindungen eingehen, wenn sie durch „Nutzung“ betätigt werden. Im Gesamten rücken Erklärungsmodelle in Griffweite, die aufschlüsseln könnten, wie kognitive Leistungen entstehen und sich vollziehen. Auch in ganz konkrete Anwendungsbereiche stoßen Beiträge im Buch vor und verbleiben so nicht in rein abstrakten Darstellungen. Wie können moderne Bildgebungsverfahren (Neuroimaging) für strafrechtliche Zwecke genutzt werden? Welche grundlegenden Mechanismen liegen dem Schlaf zugrunde? Fragen, die durchaus das menschliche Selbstverständnis betreffen und verändern könnten, wie die Herausgeber zur Recht im Vorwort andeuten.

Von der grundlegenden Funktion des Gehirns über die Koppelung mit den menschlichen Sinnen, über das Lernen und das Gedächtnis reicht die Palette des anspruchsvollen Lesebuches bis hin zur „Empathie und ihre Blockaden“, sprich zum Bereich der sozialen Emotionen und letztlich hin zu Fragen des Bewusstseins und des freien Willens.

Gerade diese Fragen des „freien Willens“ haben durchaus Relevanz sowohl im Kleinen wie im Großen. Welche Vorwürfe könnte man denn privat oder gar gesellschaftlich anderen machen, wenn deutlich werden würde, dass dessen oder deren Handeln rein biochemisch bedingt sein sollten? Und weiter gefragt, gäbe es dann hier Determinanten, die andere Formen von Verhalten und Entscheidungen unmöglich gestalten würden oder liegt es im Ermessen des einzelnen, welche, wie am Anfang erwähnt, „Neuronen“ er „betätigt“ und aktiviert?

Ebenso anregend zu lesen sind die Einlassungen von Frevert und Singer zur Frage, welche Faktoren die menschliche Empathiefähigkeit blockieren können. Wie einfach es im Labortest war, prosoziales Verhalten durch leichte Manipulationen der Situation ins Gegenteil zu verkehren, lässt tief schließen auf die gefährdeten sozialen Motivationen der Spezies Mensch.

Nicht nur theoretisch-biologisch interessant ist die Beschäftigung mit der Biochemie des Gehirns, ganz handfeste Erkenntnisse und Folgen für das Selbstverständnis und als gegeben oft angesehene Handlungsmuster folgern aus den Beiträgen im Buch, auch wenn in vielem die Hirnforschung noch am Anfang steht. Fundiert und gründlich vermitteln die einzelnen Beiträger der verschiedenen Autoren ein umfassendes Bild, aus dem heraus sich auch die wesentlichen Fragen für die zukünftige Diskussion ergeben.


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