Zurück zur Homepage

Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin

autor

Snyder, Timothy

gesamtwertung: 5/5

verlag

C.H.Beck

jahr

2011

1 bewertung

isbn

3406621848

798 x gelesen

genre

Sachbuch

kommentare (0)

Jetzt selbst kommentieren geschrieben am: 01.09.2011 von Michael Lehmann-Pape

Das Herz der Finsternis

„An einem Frühlingsmorgen saugte ein Säugling an der Brust der Mutter, deren Gesicht das Grau des Todes zeigte“.

Snyder versteht es, das abstrakte, kaum zu fassende, Grauen Millionen von Toter herunterzubrechen und damit konkret, fassbar und direkt dem Leser vor Augen zu stellen. Die „Bloodlands“, jener geographische Bereich zwischen Deutschland und Russland, im zweiten Weltkrieg mit Millionen von gefallenen Soldaten und sterbender Zivilbevölkerung in Blut getränkt ist das Thema, welches Snyder in ruhiger, beschreibender und dennoch hoch konkreter Form dem Leser vor Augen führt. Ein Thema, dass Snyder immer wieder individuell zu schildern versteht und gerade dadurch dem Leser so nahe zu bringen vermag.

Stalins Umformung der Sowjetunion mitsamt seiner Säuberungen, aber auch den qualvollen Folgen für das einfache Volk (jener Säugling, der an der Brust der toten Mutter noch saugte war eines der Opfer sowjetische Hungersnöte im Zuge des ersten Fünfjahresplans Stalins). Der Holocaust Hitlers gegen die Juden. Der Hungerkrieg gegen die Kriegsgefangenen und letztlich gegen die gesamte, zivile Bevölkerung der Bloodlands, dass sind die drei Themen Snyders, die letztlich in ein Thema zusammenfallen: Der unermessliche Blutzoll der Diktaturen, durchgeführt durch zwei verfeindete und doch ähnlich funktionierende Systeme.

„Die bloße Zahl der Opfer kann unser Gefühl für die Individualität jedes einzelnen (Opfers) betäuben“. Nach der Lektüre des Buches ist das nicht mehr so einfach. Persönlich lässt Snyder diese Zeit, diese Gräueltaten, diese Opfer werden, ohne seine Linie der historisch korrekten und fundierten Darstellung zu verlassen. Das Kapitel über die „Ökonomie der Apokalypse“ führt noch einmal eindringlich vor Augen, im Zuge welche strategisch überlegten Plans und mit welch ausgearbeiteten Mitteln jene millionenfachen Tode nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern letztlich gezielt vorangetrieben worden sind.

14 Millionen zivile Tote sind es, von denen Snyder Zeugnis ablegt. Und dafür sorgt, dass nicht nur der Rassismus Hitlers, sondern auch der blutige Antisemitismus Stalins noch einmal prägnant in den Blick gerückt wird. Ein Blick, dem auch nicht entgeht, zu welch Grausamkeiten viele der einfachen Soldaten auf beiden Seiten der Front fähig waren (nach oben geworfene Säuglinge, auf die ein perfides, verrohtes Zielschießen veranstaltet wurde).

Und ebenso wichtig ist es, Snyder darin zu folgen und sich noch einmal deutlich darin belehren zu lassen, dass die Grausamkeiten des Krieges und des Holocaust nicht singulär im Raume stehen, dass bereits im Vorfeld, gerade in Russland durch Hungersnot und Säuberung und Terror grausame Gewalt und kaltes Auslöschen zur alltäglichen Erfahrungswelt gehörten. Zur Erfahrungswelt da, wo „Utopien entworfen wurden, von der Wirklichkeit eingeschränkt und dann durch Massenmord durchgesetzt“. Ein Vorgang, der nicht auf die 30er und 40er Jahre und zwei skrupellose Diktatoren beschränkt war und sein wird. „Den (jeweiligen) Führer vor der Undenkbarkeit des Irrtums zu schützen“, das schein und scheint in entsprechenden Umständen jedes (andere) Opfer wert zu sein.

Snyder legt nicht nur ein fundiertes Geschichtsbuch vor, Snyder zieht in den letzten Kapiteln generelle Schlüsse und bietet Erklärungsmuster, die bis in den gegenwärtigen Alltag hineinreichen. Hervorragend geschrieben und flüssig im Stil bannt das Buch von der ersten bis zur letzten Seite.


Weitere Rezensionen finden Sie bei Amazon.


hier klicken, um dieses buch selbst zu rezensieren!

weitere rezensionen suchen buch ebenfalls rezensieren

Wie Medienentwicklungen die Kommunikation in der Gesellschaft verändern

Geschrieben am: 08.07.2011

Rezensent: Michael Lehmann-Pape

Medieninnovationen verändern

Nicht nur, aber mit am deutlichsten, hat das Web 2.0. mit seiner Vielzahl von sozialen Plattformen und seiner Informationsdichte auf die Kommunikationsstrukturen Einfluss genommen. Ähnlich sieht es aus im Blick auf den Handyboom vor einigen Jahren und die Verbrei ... » weiterlesen.

kommentare (0)

weitere zufallsrezensionen

Ich, mein Vater und die Frau seines Lebens

Geschrieben am: 17.08.2013

Rezensent: kvel

Tom ist ein eher ängstlicher Typ. Seinem Sohn Paul dagegen ist keine Herausforderung zu groß. Nun ist eine neue Nachbarin eingezogen: die taffe Majorina. Sie hat außerdem eine neue Fernseh-Show initiiert, in der der Mutigste gewinnt. Nun ist der Plan, dass Tom diese Show gewinnen und somit das Herz ... » weiterlesen.

kommentare (2)

weitere beliebte rezensionen

Morgen kommt ein neuer Himmel

Geschrieben am: 28.07.2014

Rezensent: Everett

Die 34-jährige Brett arbeitet in der erfolgreichen Firma ihrer Mutter, hat einen Freund, mit dem sie zusammen lebt. Doch Bretts Mutter hat Krebs und weiß, dass sie bald sterben wird. Für Brett hinterlässt sie ein etwas anderes Testament, in dem sie ihre Kindheitsträume verwirklichen soll. Brett ist ... » weiterlesen.

kommentare (0)

weitere neue rezensionen