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Still: Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt

autor

Cain, Susan

gesamtwertung: 5/5

verlag

Riemann

jahr

2011

1 bewertung

isbn

3570500845

1857 x gelesen

genre

Sachbuch

kommentare (0)

Jetzt selbst kommentieren geschrieben am: 06.06.2011 von Michael Lehmann-Pape

Reden ist Silber, Schweigen manchmal Gold

Zum Glück ist es kein stilles Buch, welches Susan Cain zu einem faszinierenden Thema vorlegt, sondern durchaus beredt, wortgewandt und auf den Punkt treffend. Immerhin nimmt sie sich, nach neuesten Zahlen, fast 50% der Weltbevölkerung in ihrem „Temperament“ zum Thema.

In einer Welt, in der Small Talk, Souveränität, die Werbetrommel vor allem für sich selber zu rühren und allseits eine deutliche Duftspur eines „Hier bin ich!“ zu hinerlassen fast zu den erforderten Grundausstattungen zu gehören scheint, um einigermaßen (nicht nur beruflich) anerkannt zurecht zu kommen, bricht Susan Cain eine fundiert argumentierte und anschaulich dargestellte Lanze für die Stillen. Die Introvertierten. Die, die letztlich den Kitt der Welt mit ausmachen und die Dinge des Lebens lieber zusammenhalten und ruhig vorwärtsbringen, als mit lautem Getöse hier und da für erkleckliche Unordnung zu sorgen. Jene, die gerade vom „Getöse“ abgeschreckt werden und sich allem Neuen und, vor allem, Lauten nur vorsichtig nähern.

Begeisternd, aber auch tief nachdenklich machend verweist Susan Cain im Buch gerade auf diese Ebene des „vorwärts“ gehen. Ausdauer, Geduld, Konzentration, die Fähigkeit, sich nicht ablenken zu lassen, dass ist das Rohmaterial, aus dem wegweisende Erfindungen und tief reichende Kunstwerke entstanden sind. Und wer mag bestreiten, dass ein Chopin bei weitem einen Dieter Bohlen überdauern wird. Und ebenso klar ist, dass es des „Ertragen von Einsamkeit“ bedarf, um wegweisende Erfindungen oder Kunstwerke zu erschaffen.

Gründlichkeit und Tiefe, dass ist es, was nicht nur der Volksmund mit seinem „stille Wasser sind tief“ den Introvertierten zuspricht, sondern was nun empirisch nachvollzogen werden kann anhand der vielfachen Geschichten und klugen Deutungen der Autorin. Während in früheren Epochen gerade auch der Besonnene und die Geduldige, die Nachdenkliche und der Weise hohe Geltung hatten, hat sich dieses Bild in der modernen Welt fast umgekehrt. Wie Cain in einem Interview, ihrer Art gemäß, treffend formuliert: „Heute haben Introvertierte gegenüber Extravertierten dieselbe Stellung wie seinerzeit Frauen gegenüber Männern – sie sind Bürger zweiter Klasse“.

Eine besorgniserregende Feststellung, folgt man den Einlassungen Cains dahingehend, dass die moderne Gesellschaft das Laute, sich darstellende, mithin den „Schein“ höher bewertet als die Substanz, das „Sein“. Eine Gefahr, die an Erich Fromms wegweisende Arbeiten erinnert und der es gegenzusteuern gilt, sollen nicht gerade jene Potentiale ungenutzt am Rande der Gesellschaft liegen bleiben, die tatsächlich Substantielles in sich tragen.

In Susan Cain haben die „Stillen“ dieser Welt) eine wunderbare Anwältin ihres Temperamentes und ihrer Möglichkeiten gefunden. Wer das Kapitel über die Erziehung von introvertierten Kindern in einer Welt, die ihnen nicht zuhören will und wohl gar nicht zuhören kann liest, wer hier den sachten Entfaltungen Cains folgt, wie stillen Kinder in ihrem Potential der Weg zu einem Persönlichkeitsgemäßen, selbstbewussten Leben eröffnet wird, ohne davon berührt zu sein, der gehört sicherlich zu den „nur“ Extravertierten und kann das Buch getrost zur Seite legen, verstehen wird er es nicht.

„Bei allem, was jung und zart ist, ist der wichtigste teil der Aufgabe der, wie man sie beginnt“.
Was im Zitat schon Plato für die Ewigkeit festzurrte, gilt nicht nur für die Erziehung der Kinder, sondern ist letztlich das Programm für das introvertierte Leben und den Umgang mit sich und den anderen. Nicht lärmend und laut ist die Welt in ihrer Essenz dahin gelangt, wo sie jetzt ist, sondern durch stille Geduld, Forscherdrang und Nachdenklichkeit.

Ähnlich, wie Sten Nadolny die „Langsamkeit“ (und John Franklin war ein Introvertierter allererster Güte) als Wert vor Augen stellte, hat nun Susan Cain einen breiten Blick in verständlicher Sprache und mit fundiertem Hintergrund auf die gesamte Welt der „Stillen“ vorgelegt, der für jeden Leser, der sich auf diese Welt einlässt, einen Gewinn bedeutet. Ein Plädoyer für die Vorsicht, die sich langsam, dafür aber gründlich, allem Neuen nähert und nicht mehr loslässt, wo sie wertvolles entdeckt. Und eine Mut machende Entlastung zu lesen für jeden, der eher zu den Introvertierten Menschen gehört.


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