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Dieses Leben, dass wir haben

autor

Shriver, Lionel (weitere bücher dieses autors)

gesamtwertung: 2/5

verlag

Piper

jahr

2011

1 bewertung

isbn

3492054412

783 x gelesen

genre

Belletristik

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Jetzt selbst kommentieren geschrieben am: 21.04.2011 von Michael Lehmann-Pape

Alles wird anders

„Dein ganzes Leben, Shepherd, dreht sich doch nur um Geld!“.

Ein relativ vernichtendes Urteil, welches umso massiver im Raume steht, da es von der eigenen Ehefrau, Glynis, in den Raum geworfen wird. Und vor allem hat sie Recht. Einerseits. Andererseits auch nicht. Denn Shepherd hat einen Entschluss gefasst. Er will etwas stehlen. Er will etwas aus seinem eigenen Leben stehlen. Sich selbst.

Die Firma verkauft, keine immensen Reichtümer gesammelt, doch genug, um an einem dritte Welt Ort auf dieser Welt gut zu leben, nichts mehr schaffen zu müssen, Zeit zu haben, Zeit zu finden. Drei Tickets hat er gekauft. Auch seine Frau und seinen Sohn hat er, nach außen hin, mit bedacht. Nur nach außen hin, denn er geht davon aus, dass er alleine gehen wird, seine Familie diesen Weg nicht mittragen will (wie so manches nicht mitgetragen wurde innerlich).

Und er hat recht vermutet. Und wieder auch nicht. Nein, seine Frau wird ihn nicht begleiten. Würde sie auch bei bester Gesundheit nicht. Aber sie ist nicht gesund, sondern auf den Tod erkrankt und das Geld, was auf dem Konto liegt, in Amerika mit seinem teuren Gesundheitssystem reicht es wohl gerade für die notwendigen Behandlungen.

Mit diesen sprachlich mitreißend, ironisch, wundervoll geschriebenen Einblicken in das Innenleben Shepherds, einen kurzen Blick auf seine Geschichte und die nun neu sich ergebenden Umstände einer Ehe und Familie, die in Sprachlosigkeit und innerer Distanz schon längst angelangt war, setzt Lionel Shriver den Leser unmittelbar und umgehend mitten hinein in einen Roman der gemeinsamen Entwicklung ihrer Protagonisten par excellence.

Der nun beginnende Kampf um das Leben und gegen die Krankheit, die Veränderung aller äußeren Pläne, führt vor allem zu einem ganz anderen Innenerleben. Knirschend erwachen Räder des Miteinanders, der eigenen Gedanken, der eigenen Unzulänglichkeiten, die im bisher wie geölt laufenden äußeren Leben der Figuren nie wirklich Platz hatten. Ungeschminkt, ohne Abstand oder Ummäntelungen gelingt es Shriver, ein nicht kalt lassendes Psychogramm ihrer Figuren samt deren Freunde und Bekannten in den Raum zu setzen, dass einerseits die moderne Welt mit ihren vielfachen Egoismen und Entfremdungen lebendig vor Augen stellt und andererseits auch das Altertümliche des Findens zueinander und des Entfaltens starker Gefühle zu beschreiben weiß. Gerade die Figur der Glynis trägt einen immer stärker werdenden Part im Buch. Nicht als verhuschte und verweinte Todkranke, sondern als direkte, spitzzüngige, fast boshaft zu nennende Frau, die nun kein Blatt mehr vor den Mund nimmt. Und doch auch eine Entwicklung zur Versöhnung hin erfahren wird.

In einem Umfeld, in dem eine schlechte Nachricht nun die nächste jagt und die glatten Fassaden der Familie und der Freunde so brüchig werden, dass das wahre Leben hinter den Fassaden sich brachial Bahn bricht. Ein Umfeld und Umstände, die den Leser dennoch (aber auf die harte Weise) am Wachsen des Mannes Shepherd teilnehmen lassen und damit in den Raum setzt, zu welch Umwälzungen und Wachstum der Mensch im guten Sinne auch fähig ist- Wohl aber tatsächlich nur, wenn das Leben mit Macht die gewohnten Lebensrichtungen aus der Bahn bringt. Und vielfach Kontakte einfach versickern.

Auch wenn die Geschichte eine der Krankheit, des Abbrechens, des Sterbens, des Betruges und der Enttäuschungen ist, gelingt es Shriver im Kern doch, ein sprachlich hervorragendes und bestens den Menschen beobachtendes, gewichtiges Buch über das Leben zu schreiben mit einem bewegenden hoffnungsfreudigen Ende, nachdem die letzte Schaufel Erde in die Gräber des Lebens geworfen wurde. Gelingt ihr gerade deshalb, weil sie all die Tabus von Krankheit, Sterben und Tod, von Abwendung und Glaube, von rein materieller Welt und inneren Gefühlen direkt, klar und fassbar schildert. Wunderbar.


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