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Bitter Lemon

autor

Kaes, Wolfgang (weitere bücher dieses autors)

gesamtwertung: 5/5

verlag

C. Bertelsmann

jahr

2010

1 bewertung

isbn

3570011208

689 x gelesen

genre

Thriller

kommentare (0)

Jetzt selbst kommentieren geschrieben am: 24.09.2010 von Michael Lehmann-Pape

Thriller mit Qualität

Drei Hauptdarsteller mit intensiver, persönlicher Ausprägung, vielfachen Schattierungen und einer fassbar dargestellten, persönlichen Geschichte bilden den Kern dieses Thrillers auf dem realen Hintergrund des weltweit zunehmenden Menschenhandles von Wolfgang Kaes. Ein Thriller, der sich in Stil, Sprache und Konstruktion in keiner Weise gegenüber internationalen Erfolgen des Genres an Boden verliert. Im Gegenteil.
Neben einer Vielzahl von akkurat gezeichneten und ebenfalls in Ihrer persönlichen Geschichte nahekommenden Nebendarstellern sind jene drei Protagonisten der Geschichte:

Zoran Jerkov. Kroatisches Migrantenkind, in Jugendjahren Chef der Bande Kleinkrimineller, die sich Eigelstein Bande nannte, bester Spieler des Basketballteams Eigelstein, über Nacht mit 18 Jahren nach Kroatien, mitten in den Bürgerkrieg, um seinen kroatischen Landsleuten gegen die Serben beizustehen. Nach seiner Rückkehr plötzlich 12 Jahre wegen Mordes an seiner Geliebten hinter Gittern. Wie sich herausstellte, unschuldig. Warum hat er 12 Jahre lang diese Schuld auf sich genommen? Und warum hat er nun geredet, wird entlassen und schwört vor versammelter Medienschar Rache, bevor er von der Bildfläche verschwindet (und erst viel später wieder auftaucht, die gesamte Zeit über aber im Buch präsent ist)?

David Manthey. Neffe des damaligen, schwulen, Trainers der Basketball Mannschaft, bald Zorans bester Freund, ebenfalls Teil der Eigelstein Bande, mit Zorans Schwester tiefer Verbunden als nur durch die gemeinsame Vorliebe für Bitter Lemon, dann aber zerstritten mit Zoran. Er ging zur Polizei. Als seine Freundin bei einem Einsatz starb, quittierte er den Dienst und lebt auf Formentera. Die Einsatzkräfte holen ihn nun zurück, damit er Zoran findet.

Köln ist der dritte Protagonist des Buches. Anders als in so manch einfältigem Köln Krimi erhält die Stadt im Gesamten, vor allem aber in ihren dunklen Seiten, halbseidenen Orten und Hinterhöfen ein ganz eigenes, genau beobachtetes und der Geschichte eine tiefe Atmosphäre gebendes Leben. Wie auch bei all den lebenden Personen des Buches versteht es Kaes, dem Ort ein vielfältiges Gesicht und eine, gut recherchierte, Geschichte zu geben. Gerade sein Stil des jeweiligen Rückblicks in die Geschichte der handelnden Personen, auch der Stadt selbst, auch noch so unwichtiger Nebenpersonen, gibt den Charakteren jene schillernde Tiefe, die dem wichtigen Thema moderner Sklaverei in der Geschichte Leben gibt.

Eine städtische Rahmung für einen allezeit logisch und nicht konstruiert wirkenden Ablauf.
Schon bald entdeckt David mit Hilfe der Journalistin Kristina Gleisberg, dass Zoran nicht an jenen Rache nehmen will, die ihn Verurteilten, sondern an jenem einen, der im Hintergrund steht, von Menschenhandel lebt und Zoran mit dem Leben seiner Tochter bedrohte, sollte er die Schuld nicht auf sich nehmen. David und Kristina entdecken auch, dass die Jäger Zorans auf polizeilicher Seite mit dem regulären Polizeialltag nichts zu tun haben. Bald schon geraten beide in das Visier der Verbrecher, die Zoran jagt und ebenfalls in den Fokus der Sondergruppe, die Zoran als Lockvogel benutzen wollen. Als die ersten grausam ermordeten Personen auf der Bildfläche erscheinen, spitzt sich die Lage allenthalben zu.
So finden im Laufe der 350 Seiten des Buches nach und nach alle losen Stränge zueinander und verdeutlichen mehr und mehr das ganze Bild der Zusammenhänge.

Einen breiten Wurf legt Wolfgang Kaes vor. Hervorragend gezeichnete Figuren, eine genaue Kenntnis der Stadt und, vor allem, die Gabe, durch diese Kenntnisse eine dichte Atmosphäre zu zeichnen korrespondieren mit den drängenden Motiven der handelnden Figuren und werfen einen ernüchternden, weil realistischen, Blick auf die Praxis modernen Menschenhandels, vornehmlich in Staaten des früheren Ostblocks. Wie nebenbei handelt er mit seinem genauen Blick noch die Oberflächlichkeit der Medienszene in Köln genauso treffend ab, wie er das künstliche Leben in den reichen und schönen Stadtteilen in den Blick rückt und am Beispiel des Onkels auch das schwule leben Kölns streift. Nebenblicke, die dennoch zur Geschichte gehören, wie sich später herausstellen wird.

Die einzige Kritik wäre, dass das Ende des Buches einfach viel zu kurz ist. Mit Freuden würd man das sich überschlagende Finale, weit entfernt von jeder Vorstellung eines Happy Ends, noch 50 weiter Seiten genießen. Aber das spricht eigentlich auch wiederum nur für die Qualität des Buches.


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