Titel: Verbrechen
Autor: von Schirach, Ferdinand
Verlag: Piper
Jahr: 2009
ISBN: 3492053629
Genre: Sachbuch


Gesamtwertung:

3 Bewertungen
427 mal gelesen
Verbrechen
von Schirach, Ferdinand24.08.2009
rezensiert von: Claudia Jordan (Everett)Wertung: 4.5 Sterne

Stories steht auf der ersten Seite, vielleicht fehlt da noch der Zusatz true, denn diese Stories sind größtenteils so unglaublich, dass es einfach nur faszinierend war. So unglaublich, dass es sicher schwer fallen würde, sich diese in der Form auszudenken.

Der Autor hat die Geschichten einiger seiner Mandanten ohne Partei- und Stellungnahme aufgeschrieben, er erzählt ihm die bekannten Fakten ohne Ausschmückungen und Abschweifungen. Da merkt man den Beruf! Gerade deshalb war ich als Leser gefesselt und wünschte mir am Ende des Buches mehr Stories dieser Art.

Es sind spektakuläre und auch stille Geschichten von psychologischen und existenziellen Problemen, die durch Tod, Gewalt ihre Auflösung finden, wo die Zerstörung ein Leben rettet, oder das Glück gefunden wird. Ein Fall ließ mich mit einem großen Fragezeichen zurück. Wie wohl auch den Autoren.

Auf jeden Fall unheimlich interessant hinter die geschilderten Verbrechen zu gucken.

Die interessantesten Geschichten schreibt das Leben, und diese hier sind lakonisch und dadurch besonders eindringlich geschrieben.

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1     Bewertung: 4 Sterne
"Stories" - Geschichten, die das Leben schreibt

Ferdinand von Schirach hat ein Buch mit elf Geschichten veröffentlicht, die er selbst erlebt hat - als Verteidiger in Strafprozessen. Gebunden an seine Schweigepflicht, wird er die Ereignisse verändert haben, um den Schutz der realen Personen zu wahren. Als Verteidiger ist er parteiisch und steht auf der Seite seines Mandanten. Als Erzähler ist er frei.

Von Schirach hat mit seiner Auswahl für den Leser ein Kaleidoskop unterschiedlichster Straffälle ausgewählt. Wir lesen von einer Ehe mit tödlichem Ende, von dem Diebstahl einer wertvollen Teeschale, einem Kannibalen, Kriminalität im Drogen- und Prostituiertenmilieu und anderen Taten.

Gemeinsamkeiten aller dargestellten Fälle sind ihre absolut unerwarteten Verläufe, die psychischen Veränderungen der handelnden Personen und eine unbeschreibliche Brutalität.

Manche Fälle verlaufen "im Sande". So entlastet ein Mann seinen angeklagten kriminellen Mitbruder durch eine geschickte Zeugenaussage. Ein anderer Mann mit eindeutigem Hang zum Kannibalismus entzieht von Schirach sein Mandat.

Während man die meisten Geschichten mit Distanz lesen kann, sind andere dabei, denen man sich gefühlsmäßig nicht entziehen kann. Das Leid ist manchmal so stark, dass man es selbst spüren kann.

Wir erleben die nach außen hin intakte Ehe eines anerkannten Mediziners, der nach 48 Jahren physischer und psychischer Demütigung seinen Lebenszustand nicht mehr aushält und seine "geliebte" Ingrid umbringt. Da von Schirach gemächlich und präsise beschreibt, wie es zu der Tat kommen konnte, wird sie zu einer zwingenden, nicht mehr abwendbaren Konsequenz. Auch diese überzeugende Erzählweise ist allen beschriebenen Fällen zu eigen.

Furchtbar zu lesen ist, wie zwei Kinder in einer mutterlosen Familie aufwachsen: Ein liebloser, strenger Vater verlangt von ihnen bedingungslose Disziplin und Verzicht. Obwohl Vermögen vorhanden ist, müssen die Kinder sich ihr Taschengeld erarbeiten, z. B. indem sie Löwenzahn ausstechen.

An manchen Stellen klärt von Schirach den Leser sehr kurz, aber ausreichend informativ über das deutsche Rechtssystem, insbesondere den Prozessverlauf auf.

Auch die immer wieder diskutierte Frage nach dem Sinn von "Strafe" spricht er an und erörtert das rechtsphilosophische Problem (vgl. S. 17).

Das Buch liest sich sehr schnell. Von Schirachs Sprachstil ist klar; seine Sätze sind meist kurz und einfach.

Sicher lesen wir tagtäglich von neuen kriminellen Geschehnissen, aber so stark, wie von Schirach seine Erzählungen aufbereitet hat, indem er uns ins Innerste der Handelnden schauen lässt, bleibt Nachdenkenswertes hängen. Sind wir parteiisch geworden? Stehen wir mehr auf der Seite des Kriminellen als auf der der Opfer?

Bilden Sie sich selbst ein Urteil, indem Sie dieses Buch lesen.
geschrieben von: Cabriofahrerin30.08.2009

2     Bewertung: 5 Sterne
Auf dem Autorenfoto sieht man einen nachdenklich blickenden Mann mit feinen Zügen und schütterem Haar. Die gewollt lässige Zigarette im Mundwinkel mag nicht recht zum doch eher noblen Erscheinungsbild passen. Im Klappentext lese ich dann, dass zu seiner illustren Schar an Mandanten auch “ Angehörige der Unterwelt “ gehören. Etwas reißerisch vom Verlag, denke ich einerseits, aber auch interessant. Ein Strafverteidiger der das Leben in allen Gesellschaftsschichten erfahren hat. Ferdinand von Schirach ist der Enkel von Baldur von Schirach, Gauleiter von Wien im dritten Reich. -kein leichtes Erbe. Angesprochen auf seinen Großvater sagte er einmal, dass er nie verstehen konnte, wie dieser so feinsinnige, differenzierte und gebildete Mann der Stumpfsinnigkeit der Nazis verfallen konnte. Aber das ist ein anderes Kapitel.



Der Enkel nun ist ein angesehener und erfolgreicher Strafverteidiger geworden. Seine kuriosesten Fälle hat er in 11 eindrücklichen Kurzgeschichten aufgeschrieben. Da bringt eine junge Frau ihren durch einen Unfall pflegebedürftig gewordenen, innig geliebten Bruder um, da er immer mehr geistig und körperlich zerfällt. Eine vordergründig schreckliche Tat. Von Schirach erzählt den langen Weg zur Tat aus Sicht der Täter. Wie die Geschwister zu einer unzertrennlichen Einheit unter ihrem tyrannischen Vater werden. Wie es ihnen gelingt aus seinem Einflussbereich auszubrechen. Die kurze Zeit der Freiheit und des unbeschwerten Glücks und das jähe, grausame Ende durch den Unfall. Die Schwester kann das Leid ihres Bruders, und dass er sie nie mehr als seine Schwester erkennen wird, ertragen. Man ahnt bereits, dass sie ihm bald in den Tod folgt. Er erzählt von einem Mann, der in seiner Adoptivfamilie nie geliebt wird, früh als Versager abgestempelt wird, beruflich über eine unglückliche Verkettung von Ereignissen in die Kleinkriminalität abrutscht. In Äthiopien findet er endlich doch sein berufliches und privates Glück. Sogar ein ganzes Dorf holt er durch sein handwerkliches Geschick aus der Armut. Doch dann scheinen ihn die Schatten der Vergangenheit wieder einzuholen und er gerät in eine scheinbar ausweglose Situation.



Von Schirach erzählt klar, nüchtern, dokumentarisch genau. Die Abläufe der Tat, aber auch die Beweggründe, die Gefühle und Bilder der Protagonisten. Interessant ist, dass er durch diese Präzision eine ungeheuere Intensität erzeugt. Damit zieht er den Leser in die großen und kleinen Abgründe des Lebens hinein. Wie schnell und gut nachvollziehbar kann ein jeder straffällig werden Das ist das Spannende an seinem Buch. Vergehen aus allen Schichten; tragisch, komisch, immer sehr berührend. Am Ende ist oft nicht mehr klar, wer Opfer, wer Täter ist. Die Wirklichkeit ist eben meist komplexer als es die plakativen Schlagzeilen in den Medien vermuten. Der Autor hat sich immer dann für einen Fall interessiert, wenn nicht kaltblütig gehandelt wurde, sondern wenn die Tat fast logische Konsequenz einer zusammenhängenden Vorgeschichte war. Vielleicht bietet das Leben manchmal wirklich die besten Geschichten. Ferdinand von Schirach erzählt diese eindrücklich in seinem lesenswertem Debut ohne die Täter zu entschuldigen. Auch gewährt er authentische Einblicke in die Ermittlungs- und Prozessverfahren, jenseits von phantatischen Vorstellungen aus Krimis.



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geschrieben von: Sibylle Henn06.01.2010


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