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Alles Umsonst

autor

Kempowski, Walter (weitere bücher dieses autors)

gesamtwertung: 0/5

verlag

Btb

jahr

2008

1 bewertung

isbn

3442737567

1973 x gelesen

genre

Historische Romane

kommentare (0)

Jetzt selbst kommentieren geschrieben am: 21.09.2008 von Stefan Möller

Man fragt sich, wie jemand, der sich aufgrund vieler für Echolot ausgewerteter Augenzeugenberichte eigentlich auskennen müsste, bei seinem eigenen Roman gerade bei dem Thema Flucht so weit neben der Realität liegen kann. Dabei ist sowohl die gesamte Gemengelage im Januar 1945 als auch das Handeln der Hauptpersonen unrealistisch dargestellt. Kempowski unterlaufen auch Widersprüche in sich, als er zB über den Ort Mitkau und die Zeit Ende Januar 1945 sagt: Aus jedem Kamin quoll Rauch und gleichzeitig berichtet, dass sehr viele geflohen waren.

Um etwas positives zu erwähnen: Die ersten 3/4 des Romans gelingt Kempowski eine Fontane-gelungene Wiedergabe der Lage und des Lebens auf einem Landgutshof. Insofern ist das Buch, angeblich ein Flucht-Roman, eher eine Zeitreise auf einen Adelshof und man stört sich nur daran, dass Kempowski einen fiktiven Ort (wie im übrigen auch die Umgebungsorte wie Albersdorf etc.) präsentiert, wo man schon gewillt ist, auf einer Landkarte die Entfernung zur Front und mögliche Fluchtwege zu sondieren. Die Fiktivität bewirkt vielleicht auch, dass das Thema Ostpreußen als von Russen eingeschlossene Insel nie diskutiert wird. Eigentlich hätte das doch ein Gesprächsthema sein müssen, zumal man sich hinsichtlich der Flucht doch Gedanken gemacht hat. Es wird auch nie klar, warum die Flucht nicht gestartet wird. Von so vielen Besuchern, von Offiziellen und nicht zuletzt von ihrem Mann wird Katarina zur Flucht gedrängt - und fährt nicht ab. Ohne Erklärung. Als dann aber die Geschichte mit dem versteckten Juden anfängt, gerät Kempowskis Roman völlig unter die Räder. Katarina wird frühmorgens zweifach, unter anderem vom Bürgermeister gewarnt, dass die Kriminalpolizei gegen sie ermittelt. Doch anstatt jetzt endlich loszufahren, zumal alles für die Flucht bereit steht, wartet sie bis Mittag auf das Eintreffen der Polizei. Und dann das völlig absurde: Als die Hauptdarstellerin seiner Erzählung ins Gefängnis wandert, beginnt die Flucht. Ohne die wichtigste Person. Das ist völlig unerklärbar, hätten das Zaudern und Zagen mit der Abfahrtsverzögerung doch jetzt noch mehr Gründe, eben auf Katarina zu warten. Auch dem Sohn Peter scheint weder die Verhaftung der Mutter noch die Flucht ohne sie etwas auszumachen. Wie das? Aber auch im weiteren macht ihm der Tod aller seiner nächsten Verwandten kaum etwas aus, irrationalerweise höchstens der von seiner ihm gar nicht so vertrauten Tante. Aber eigentlich wird auch nicht klar, wieso Peter, der chronisch unnötig lügt, allen Geschichten von erdbraunen Russen, die ihn überrannt hätten, aufbindet, der ein Einzelgänger ist und keine Mathematik versteht, aber sich für die nahestehenden Naturwissenschaften stark interessiert (eine der vielen Ungereimtheiten), von allen so sympathisch gefunden wird. Sind es nur die blonden Haare (bei schwarzhaarigen Eltern)? Wie dem auch sei, gegen Ende des Buches beginnt die Flucht und man wundert sich dann doch: ausgerechnet die beiden bis dato unzertrennlichen Ukrainerinnen trennen sich ohne viel aufhebens. Und der täglich auf dem Gutshof hereinschauende Peter-Lehrmeister Dr. Wagner, der schon mehrfach um ein Mitfahren bei der Flucht nachgefragt hatte, wird überhaupt nicht bei der Abfahrt berücksichtigt. Die Abenteuerlichkeiten bei der Flucht sind auch unergründlich.

Aber vielleicht vorher noch etwas zu dem Judenverstecken. Man fragt sich dann doch, wieso ein Jude 4 Jahre sich in Berlin verstecken konnte und dann noch völlig unwahrscheinlich als Mann den Weg von Berlin bis Ostpreußen gehen konnte. Und wieso dieser Fluchterfahrene dann sich in einem Dorf von einer Streife aufgreifen lässt. Wieso verrät er überhaupt seine Gewährsleute? Hätte man nach vier Jahren Fluchterfahrung nicht auch alle Wegskizzen weggeworfen? Hätte es aber nicht sowieso ausgereicht, wenn man dem Juden einen Unterschlupft im Wald (die Ruinen des alten Schlosses) empfohlen hätte und dort Kleidung und Essen wie zufällig hingelegt hätte?

Im Verlaufe der Flucht treffen wie in einem absurden Hollywood-Film alle Protagonisten wieder aufeinander. Aber bei mehreren Hundertausend Fliehenden ist das mehr als unrealistisch. Genauso konstruiert ist das Getötet werden von einem Hauptdarsteller nach dem anderen. Da fragt man sich, will man das hören? Dass ausgerechnet der gute Dr. Wagner von einem Wagen überfahren wird, das sich der eigentlich in Sicherheit befindliche Vater mir nichts dir nichts erschießt, dass das Tantchen mit ausgerissenen Arm zerbombt wird, das die gute Katarina nicht mal ihre präsentierte Gefängnisabhauchance nutzt, und umgekehrt dass die bösen Heises, der Obernazi Drygalski, der Gefängnisaufseher etc. überleben. Umgekehrte Welt, - schreibt hier Kempowski, wie einige Rezensenten meinen, nur ironisch oder ist das schon eine Parodie? Die Erklärung erhält man mit der kafkaesken Schlusszene. Wie sollte jemand wie Drygalski überhaupt auf die Idee kommen, dem Sohn seiner verhassten Ortsadligen zu helfen? Das passt weder zu seinem bisherigen Auftreten noch zur technsichen Durchführung. Wer könnte im April? 1945 in Gdingen noch ein Schiff anlanden lassen, um dann einen Passagieraustausch vorzunehmen? Geht alles nicht, wie der ganze Fluchtteil des Roman. In diesem absurden Schlusstheater, Drygalskis Leben auf eigenen Wunsch gegen das von Peter auszutauschen, drängt sich der Verdacht auf, das Kempowski seine Leser und das Genre Flucht veralbern wollte.

Eine Umkehrung der Erwartungsbilder - statt böse stirbt gut - will man nicht lesen, deswegen präsentiert sie Kempowski so übertrieben. Statt Flucht-Roman wohl eher eine Fluchtsatire. Schlim ist aber auch, dass man das Gefühl hat, über die tatsächliche Stimmung im Februar 1945 in Ostpreußen fehlinformiert zu werden. Da backen in einem Fluchtslingsort alle (ja alle) Dorfbäcker weiter seelenruhig ihre Brötchen, da können Polen ohne weiteres Straßensperren überwinden, da werden Russen, Fremdarbeiter und Plünderer wahlweise nett behandelt oder bei anderer Gelegenheit ohne Verfahren erschossen. Da findet sich in jedem Haus noch was zu Essen und die Menschen sind nett zueinander. Da werden bei jeder der zahlreichen Straßenkontrollen alle Männer aus dem Treck-Zug geholt und trotzdem kommen Drygalski, Heises, Pastoren, Museumsdirektoren, Baron und Maler aber ohne weiteres nach Elbing. Wie jetzt? Passt alles nicht zusammen. Dr. Wagner schleppt den Koffer des Barons kilometerlang mit sich, um ihn dann ohne Gewissensbisse plötzlich irgendwo stehen zu lassen. Irreal, Kempowskis Botschaft: Man soll die Geschichte nicht ernst nehmen, man vermutet, dass zB Arno Surminski eine reale Darstellung der Flucht bringt und Kempowski, selber nie geflohen, sich hier zu weit von seiner ihm vertrauten Materie (Landidylle) entfernt hat, um seine Unsicherheit hinter einer grimmelshausischen Parodie, genannt Flucht, zu verstecken.


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